Personalwirtschaftliche Aspekte zur Ausbildung von Führungsnachwuchskräften
- Eine wahre Geschichte -

Prof. Dr. Herbert Jorzik
 

Es war einmal ein an der Berufsakademie noch unerfahrener Dozent. Ihm war bekannt, daß die einfache, aber auch nach einem Vierteljahrhundert nach wie vor geniale Idee einer Theorie und Praxis verzahnenden, akademischen Ausbildung nachweisbar mit außerordentlich guten Karrierechancen für die Absolventen verbunden ist. Die von den einstellenden Unternehmen durchgeführten, zum Teil sehr umfassenden, Verfahren zur Auswahl von Studenten und die Beteiligung der Unternehmen an der permanenten Weiterentwicklung der Lehrinhalte waren hier seit langer Zeit erfolgreich realisiert und hatten sicherlich diesen Erfolg mitbegründet. Bekannt war auch, daß an der Berufsakademie ein mit den Anforderungen der Fachhochschulen vergleichbares theoretisches Ausbildungsprogramm zu bewältigen ist. Mit ca. 2600 Stunden im verfügbaren Zeitraum von 1 ½ Jahren, schon rein zeitlich betrachtet, ein sehr anspruchsvolles Programm. Der Dozent hatte sich auf seine Aufgabe vorbereitet. Der Belastungssituation der Studenten - laut Manager Magazin 60 bis 80 Arbeitsstunden in der Woche - sollte durch ein speziell auf diese Situation abgestimmtes Lehrveranstaltungsangebot entsprochen werden. So hatte er sich u. a. dazu entschieden, Verständlichkeit, Einfachheit und Pragmatismus als Leitlinien seiner

Veranstaltung zu sehen. Die auch in der wissenschaftsnahen Diskussion üblicherweise bekannten, aber leider auch den Zuhörer oft irritierenden Widersprüche zwischen verschiedenen Theorien, zwischen verschiedenen Praktikerstandpunkten und zwischen Theorie und Praxis sollten möglichst nivelliert oder zugunsten einer eigenverantwortlichen, fachkundig getroffenen Auswahl durch den Dozenten auch gleich vollständig entsorgt werden. Ein vorab den Studenten ausgehändigtes Skript, war sorgfältigst strukturiert. Eine Detailgliederung und eine gut sichtbare Kennung jeder einzelnen Skriptseite sollte die Orientierung der Studierenden auch im Falle chronologisch progressiver Konzentrationsschwäche (sog. Halbschlaf) sicherstellen.

Definitionen, Lern- und Merksätze waren graphisch hervorgehoben. Ziele, Lösungswege und Beurteilungen der Ergebnisse waren optisch unterscheidbar dargeboten. Die im Skript noch nicht völlig ausformulierten Inhalte sollten, zwecks Förderung von Eigeninitiative der Zuhörer, in gut lesbarer Schrift aus den mitgeführten Materialordnern über den Overheadprojektor transportiert werden. Ausreichende Schreibpausen waren ebenso eingeplant, wie vorbereite Unterbrechungen für Verständnisfragen. Der Dozent hatte auch daran gedacht, sein Publikum darüber hinaus am Zustandekommen des Veranstaltungsprodukts zu beteiligen und deshalb im Skript vorbereitete Lücken zur angeleiteten kreativen Selbstausfüllung durch die Studenten vorgesehen. (Schließlich will auch die Hausfrau keinen fertigen Kuchen kaufen. Durch die Möglichkeit, der Fertigmischung Wasser und Eier hinzuzufügen, soll vielmehr das Gefühl entstehen, ein eigenes Werk produziert zu haben.)

Selbstverständlich sollte in der Veranstaltung unseres Dozenten keine praxisrelevante Frage offen bleiben. Zu jedem dargestellten Fachproblem war eine absolut eindeutige, unmittelbar zum Transfer bestimmte Lösung vorgesehen - einem sog. "Patentrezept" nicht unähnlich.

Kurz: Die Veranstaltung schien professionell, das Skript war druckreif.

Derart vorbereitet wurde die Veranstaltungsreihe bald begonnen. Obwohl Klarheit, Verständlichkeit und Klausurrelevanz, jeder einzelnen Textpassage nichts zu wünschen übrig ließen, bemerkte der Dozent nach einiger Zeit eine wachsende Unruhe seiner Zuhörerschaft. Wenig später hörte er die Stimme des Kurssprechers: "Sehr geehrter Herr Dozent, wir würden an dieser Stelle gern über die Art dieser und auch folgender Veranstaltungen mit Ihnen reden".

Und so geschah es. Zunächst der Kurssprecher und bald auch ein Duzend der Kursteilnehmer argumentierten wie folgt: "Wir sind sehr dankbar für ein so sorgfältig vorbereitetes Lehrangebot und sind sicher, daß es keine bessere Grundlage für eine Klausurvorbereitung geben kann.

Aufgrund unserer Erfahrungen in der Praxisphase, Diskussionen mit Führungskräften in unseren Unternehmen und den an der Berufsakademie gehörten Vorträgen von erfolgreichen Unternehmern haben wir den Eindruck gewonnen, daß wir uns auch in dieser Veranstaltung in erster Linie für zukünftige berufliche Anforderungen qualifizieren müssen. Wir sehen uns - darin im übrigen bestätigt, durch unsere ausbildenden Unternehmen - als Führungsnachwuchskräfte. Wir sehen uns als Studenten . Wir sehen uns nicht als "Lehrlinge". Wir sind uns sicher, daß es aufgrund des technisch-organisatorischen Wandels (Prozeßmanagement, flache Hierarchien, ganzheitliche Aufgaben usw.) zukünftig stärker auf die Fähigkeit zur selbständigen Problemerkennung ankommt. Wir werden bald, sehr häufig mit schlecht strukturierten Problemen zu tun haben, die wir selbständig lösen müssen. Wir brauchen dafür theoretisch-systematisches, analytisches Denken. Wir haben außerdem die Vermutung, daß wir in einem Großteil unserer zukünftigen Arbeit Kompetenz zur Kommunikation unter Beweis zu stellen haben. Die Einübung einer passiv,-konsumtiven, einseitigen Entgegennahme von Informationen scheint uns den künftigen Berufsalltag nicht angemessen widerzuspiegeln.

Wir möchten deshalb die Lehrveranstaltung so aktiv wie möglich, auch für das Infragestellen von Lehrmeinungen und für ein eigenständiges Denken in Alternativen nutzen. Wir möchten trainieren, wie man die praktische Umsetzung von Lösungsansätzen mit einer selbständigen, kritischen Reflexion begleitet. Eine gezielte Entwicklung von Methoden- und Sozialkompetenz ist deshalb für uns vorrangig. Wir haben bei unserer Auseinandersetzung mit Fragen der Personalentwicklung gelernt, daß es zu diesem Zweck darauf ankommt, Lernprozesse bewußt offen zu halten. Unsicherheit und Kontingenz sollten unserer Meinung nach als Ausgangspunkt von Lernen etabliert werden, um dadurch Prozesse von Selbstorganisation zu initiieren. Unser Interesse richtet sich deshalb auch besonders auf dialogisch aktivierende Verfahren zur Aneignung eines situationsbezogenen Problemlösungsverhaltens.

Wenn tayloristische Anforderungsstrukturen im Management tatsächlich der Vergangenheit angehören, brauchen wir auch immer weniger mechanisch-repetitive Wissensakkumulation.

Natürlich fällt eine Klausurvorbereitung leichter, wenn Inhalte eher konvergent als divergent sind, wenn Lösungen theoretisch eindeutig statt praxisbezogen mehrdeutig bleiben. Aber wir möchten uns auch in dieser Lehrveranstaltung eben weniger auf z. B. eine zweistündige Klausur als auf einen jahrzehnte währenden Karriereweg vorbereiten. Unsere Bitte ist klar und kurz formulierbar: Wir brauchen die Gelegenheit zum selbständigen Erarbeiten von Teilgebieten allein oder in Gruppen. Zu starke Strukturierungsleistung des Dozenten hilft hier wenig. Wir möchten neue Inhalte möglichst selbständig aufgreifen und haben nur geringes Interesse daran, mit leicht konsumierbaren Lerninhalten unsere Kurzzeitmerkfähigkeit weiter auszubauen. Wir haben keine Angst vor widersprüchlichen Lösungsangeboten. Wir sind bereit, uns gut zugängliche Informationen zu Fachfragen in unserer Bibliothek zu beschaffen. Wir möchten die Zeit hier lieber verstärkt für problemorientierte Diskussionen nutzen".

Der Dozent war von dieser Argumentation sehr beeindruckt, stellte seine Veranstaltung um und wußte fortan, warum die Berufsakademie auch in den nächsten 25 Jahren eine wegweisende, erfolgreiche Institution des tertiären Bildungssektors bleiben würde.
 

Prof. Dr. Herbert Jorzik n

  1