Von Zeit zu Zeit - so berichten gewöhnlich gut unterrichtete Kreise - soll es vorkommen, daß ein erfolgreicher Absolvent der BA in die Situation gerät, etwas zu einem volkswirtschaftlichen Thema sagen zu müssen oder gar zu wollen.
Vielfach ist jedoch der Erfolg solch improvisierter Diskussionsbeiträge, trotz einer gediegenen Ausbildung nicht der erwünschte. Dies läßt sich vermeiden!
Es gibt nämlich Techniken, die es auch dem Betriebswirt (BA), dessen umfaßende theoretische und praktische Kenntnisse der volkswirtschaftlichen Zusammenhänge vielleicht durch die "immense Fülle" seines betriebswirtschaftlichen Wissens etwas verdrängt wurden, erlauben, sich an nationalökonomischen Diskussionen zu beteiligen.
Deshalb werde ich im folgenden, gleichsam als Abrundung der Ausbildung, versuchen, in wenigen "goldenen Worten" einige praktische Ratschläge zu erteilen.
Bei den Techniken des Diskussionsverhaltens ist zunächst zu unterscheiden zwischen solchen, die ein gewisses Maß an Sachverstand hinsichtlich nationalökonomischer Zusammenhänge erfordern und solchen, die - für ganz eingefleischte Betriebswirte - nicht einmal das voraussetzen. Mit diesen wollen wir auch beginnen:
A: Techniken für den "unvorbereiteten" Betriebswirt
1. Die Technik des gezielten Mißverständnisses
Obwohl weder neu noch originell, erweist sich diese Technik als enorm erfolgreich. Zunächst gilt es eine Passage des gehörten Vortrags richtig mitzuschreiben. Dies dürfte für den geübten BA-Absolventen kein unüberwindliches Hindernis darstellen. Daraufhin hat man als Diskussionsredner folgendes mit großer innerer Erregung vorzutragen: "Der Herr Referent hat gesagt, daß als Ergebnis seiner Berechnungen der Kapitalkoeffizient steigen werde. Das ist ganz falsch! Ein schnelles Durchrechnen zeigt, daß er natürlich sinken muß." Genau dies hatte nun aber der Referent in seinem Vortrag ausgeführt - und dennoch, ja gerade deshalb, trägt der Diskussionsredner einen Erfolg davon. Er sieht nämlich mindestens so schlau aus wie der Referent, weil er den betreffenden Sachverhalt trotz nachweislich geringer Aufmerksamkeit so rasch durchschaut hat.
2. Die Technik des Zwangs zum intellektuellen Konkurs
Ein Evergreen in Diskussionsrunden!
Hier hat der Diskussionsredner etwa folgendes zu bemerken: "Der geschätzte
Referent hat die Entwicklung in der Zeit von 1950 bis 1997 in Deutschland
untersucht. Dabei hat er einen Koeffizienten von 0,135 ermittelt. Was würde
aber für England zwischen 1950 und 1960 herauskommen?" Hier ist, je
nach Geschmack, natürlich jedes Land und jeder Zeitraum möglich,
sofern die Kombination nicht völlig abwegig erscheint. In solchen
Fällen muß der Vortragende bekennen, daß er es nicht weiß
und sich somit als Ignorant zu erkennen geben. Nur noch schlimmer kann
er es machen, wenn er sich zu Vermutungen provozieren läßt,
denn dann wird ihm vorgeworfen, daß dies keine anständige Methode
sei.
3. Technik des Vorwurfs der falschen Modell- oder Aussagenebene
Eine der meistgeübten Techniken!
Als Diskussionsredner hat man einfach folgendes zu sagen: "Das Ganze ist doch auf einem viel zu hohen Aggregationsniveau abgehandelt. Bei Disaggregation oder im Einzelfall zeigt sich vermutlich etwas ganz anderes." Berichtet der Referent beispielsweise, in Deutschland sei etwas so oder so gewesen, treten sie mit der Bemerkung an, in Stuttgart habe es sich anders verhalten. Der große Vorteil dieser Methode liegt darin, daß natürlich niemand interessiert, wie es denn in Stuttgart wirklich war - der Einwand genügt aber meist, um die These des Referenten ins Wanken zu bringen.
Ging der Referent hingegen auf Branchen, Regionen oder gar Einzelfälle
ein, so wird er spielend durch die Bemerkung matt gesetzt: "Einzelbeispiele
besagen doch wohl nichts! Wie verhält es sich in anderen Fällen
oder bei aggregierter Betrachtung?"
B: Techniken für den fachlich etwas fortgeschrittenen Betriebswirt
Wie leicht zu sehen, bedürfen die unter A: behandelten Techniken
keinerlei Vorkenntnis; die folgenden stellen nur geringfügig höhere
Ansprüche.
4. Technik der De-Originalisierung des Referenten
Mit dieser Technik gelingt es häufig, den Referenten schwer zu erschüttern.
Unmittelbar nach Ende des Vortrags genügt der Hinweis: "Das ist ja wohl nicht neu - alles schon gesagt - am Ende des 19. Jahrhunderts finden sich dazu schon Hinweise."
Diese Technik läßt sich nun in zwei Varianten verfeinern.
Variante a: De-Originalisierung mit solidarisierender Einvernahme: "Die Sache ist ganz richtig, zumal ich so etwas auch schon gesagt habe."
Variante b: De-Originalisierung mit rückbezüglicher
Deklassierung: "Haha, das hat der ... vor Jahren auch schon behauptet!"
Bei geeigneter Wahl des Angesprochenen braucht man kaum noch hinzuzufügen,
daß es natürlich falsch ist.
5. Technik der gezielten Überforderung des Redners
Eine überaus wirksame Methode mit mannigfaltigen Vorteilen. Von diesem Typ sind Fragen wie die folgende: "Wie könnte man Ihr Modell mit demjenigen von ... verknüpfen? (Möglichst weit weg - aber nicht offensichtig unsinnig!) Eine solche Frage zeigt, 1. daß der Frager ein anderes Modell kennt, 2. daß der Redner es nicht oder nur ungenau kennt und 3. daß ihm die Verbindung so schnell nicht gelingt. Außerdem hat der Frager ja bereits erkennen lassen, daß von ihm die Verbindung nicht zu erwarten ist.
Großer Beliebtheit erfreut sich auch die immer wieder gerne vorgetragene Variante: "Inwieweit hängt Ihr Modell von dem spezifischen Charakter der Gleichung 37 (oder dem Parameter ? in Gleichung 12) oder der Tatsache ab, daß Sie keine Liquiditätspräferenzfunktion aufgenommen haben?" Bei den meisten Fragen dieser Art sehen die Referenten weniger gut aus als der Frager.
Für alle diejenigen, die in vielen Jahren harter Arbeit an der BA die Technik des "Auswendig lernens" weniger, dafür aber einprägsamer Statements zu einer gewissen Perfektion getrieben haben, folgen noch einige "einleitende Bemerkungen" und "Kommentare", die sich - gut gelernt - bei jeder volkswirtschaftlichen Diskussion problemlos anbringen lassen.
Einleitende Bemerkungen
A. Das Referat vermittelte einen glänzenden Überblick über die Literatur, betrat aber leider kein Neuland.
B. Schade, daß der Referent seine gewaltige Belesenheit und seinen ungeheueren Fleiß nicht für ein besseres Ziel eingesetzt hat.
C. Ich habe viel Verständnis für den Referenten; bis vor wenigen Jahren dachte ich ähnlich wie er.
D. Ich bin Amateur auf diesem Gebiet und muß mich daher vorsichtig und zurückhaltend äußern. Aber selbst ein Neuling findet an diesem Referat vieles auszusetzen.
E. Dieses Referat enthält viel Neues und viel Gutes - aber das Neue ist nicht gut und das Gute nicht neu.
Kommentare
1. Das hat schon Adam Smith gesagt.
2. Theoretisieren bringt in diesem frühen Stadium nichts; wir brauchen Fallstudien.
3. Fallstudien können allenfalls Anhaltspunkte geben. Es gibt aber keinen echten Fortschritt, solange wir kein Modell des Prozesses haben.
4. Die zentrale Behauptung ist nicht nur eine Tautologie, sie ist auch falsch!
5. Das mag in der Theorie richtig sein, stimmt aber nicht in der Praxis. (Bitte sparsam verwenden.)
6. Der Referent glaubt offensichtlich, daß es hier ein Mittagessen umsonst gibt!
7. Und was geschieht, wenn die Transaktionskosten nicht gleich Null sind?
8. Was passiert, wenn Sie die Analyse auf frühere (spätere) Perioden ausdehnen?
9. Hatten Sie Schwierigkeiten bei der Inversion der singulären Matrix?
Gerüstet mit diesen Weisheiten, sollte kein Betriebswirt (BA) in Zukunft einer volkswirtschaftlichen Diskussion freiwillig aus dem Wege gehen.