‘Den Hund zum Jagen tragen’ oder: Bildungserwartungen
sich wandelnder Gesellschaften



von Prof. Dr. rer. pol. Joachim Weber
 

Der stetige, manchmal auch sprunghaft erscheinende, Wandel der Werte und Interessen der jungen Generation in der Europäischen Union führt zu einer kontinuierlichen Anpassungserfordernis hinsichtlich der diesen Menschen zu vermittelnden Wissens- und Erfahrungsinhalte. Dies gilt auch für die anzuwendenden Lehr- und Unterweisungsmethoden. Zusätzlich ist eine Abstimmung mit den das Arbeitsangebot der Studierenden nachfragenden Institutionen erforderlich.

Dieses Ziel einer angemessenen inhaltlichen, methodischen und hochschuldidaktischen Koordination von Erwartungen der im Bildungssystem beteiligten Bildungsanbieter und den Bildungsnachfragern erfordert nicht nur die Vorgabe von Bildungszielen, sondern auch ein geeignetes Instrument zur Evaluation der Qualität der erreichten Koordination.

Als Ergebnis einer von 1986 bis 1996 dauernden empirischen Langzeitstudie bei über 1000 Studierenden an Berufsakademien, Universitäten und Fachhochschulen glaubt der Autor dieser Zeilen, typische Kategorien von Bildungsnachfrage und Bildungsangebot identifiziert zu haben.

Es konnten vier Kategorien von Bildungsnachfrage seitens der potentiellen Arbeitgeber isoliert werden. Dabei hat es sich in der Praxis bewährt, die Kategorien mit ‘griffigen’ Bezeichnungen aus der Welt der Tierfreunde zu versehen. Die vier Kategorien sind:

Jagdhund (‘hound’): Nachfrage nach aktiven Gestaltern der unternehmerischen Zukunft, die die Erfolgspotentiale von Unternehmen prägen. Derartig zu charakterisierende Personen tendieren naturgemäß in Geschäftsführungsfunktionen ("sie können bellen, jagen und fassen").

Begleithund (‘common dog’): Nachfrage nach Personen, die bei der Ausschöpfung von Erfolgspotentialen mitwirken. Als Einsatzgebiet derartig qualifizierter Personen befindet sich tendenziell eher auf der Ebene des Lower Management und der Sachbearbeitung ("sie können bellen und fassen, aber nicht jagen").

Wachhund (‘watchdog’): Nachfrage nach Personen, die das unternehmerische Handeln kritisch analysieren und seine Konsequenzen angemessen einschätzen können. Sie werden insbesondere für Stabstätigkeiten benötigt ("sie können nur bellen und jagen").

Schoßhund (‘lap-dog’): Nachfrage nach Personen, welche die ihnen gestellten Aufgaben, oftmals nur unter der Voraussetzung einer Zusage von Belohnungen, so weit abarbeiten, daß sie nicht kündigungsbedroht sind. Derartig ‘qualifizierte’ Personen werden insbesondere für (Aus-) Hilfstätigkeiten eingesetzt ("sie versuchen gelegentlich, zu bellen").

Diese vier Kategorien sind nun aus der Perspektive einer Bildungsinstitution mit weiteren Merkmalen zu präzisieren. Dabei wird nach kategoriespezifischen Merkmalen hinsichtlich der Studierendencharakteristika, der entsprechenden Lehrinhalte und der Eigenschaften der Dozenten differenziert. Das Ergebnis zeigt die Abbildung zu diesem Beitrag.

Es besteht nun die Möglichkeit, anhand der Abbildung zu prüfen, inwieweit zwischen den an einer Bildungsinstitution auszubildenden Personen, den Dozenten und den Lehrinhalten dieser Institution eine Übereinstimmung der Merkmale und Erwartungen besteht. Analog können Arbeitgeber prüfen, ob die von ihnen ausgewählten oder noch auszuwählenden Studierenden die entsprechend geforderten Charakteristika erfüllen.

Im Rahmen einer praktischen Prüfung dieses Ansatzes wurde die Beurteilung einer Gruppe von 20 Studierenden des fünften Fachsemesters einer Berufsakademie vorgenommen. Das, hier aus Platz- und Diskretionsgründen nicht veröffentlichte, Ergebnis weist auf eine sehr heterogene Gruppe hin:

Dozenten und Studieninhalte scheinen auf die Kategorie ‘Jagdhund’ oder wenigstens auf die Kategorie ‘Wachhund’ ausgerichtet zu sein. Die Studierenden tendieren offenbar aber mehr in Richtung der Kategorien ‘Wachhund’ oder gar ‘Schoßhund’. Damit sind sind Irritationen zwischen den am Bildungssystem Beteiligten zu befürchten. Wünschen nun die Unternehmen selbst vor allem Studierende der Kategorie ‘Begleithund’, so scheint eine ‘Bildungs-Harmonie’ nur dann erreichbar, wenn die studentischen Gruppen, die Firmen, die Dozenten und die Studieninhalte nach den oben genannten Kategorien zugeordnet würden. Dies hätte dann beispielsweise für die Berufsakademie zur Folge, daß man anstelle von Kursbildungen Fachrichtungen ‘Industrie’, ‘Handel’ oder ‘Handwerk’ absieht. Neu zu gründen wären dann die Fachrichtungen ‘Hounds’, ‘Common Dogs’, ‘Watchdogs’ und ‘Lap-dogs’.

Es steht der geneigten Leserin oder dem geneigten Leser nun frei, eine solche Analyse vorzunehmen.

Viel Vergnügen!


 
 
 
Kategorie Erwartungen der Arbeitgeber und 

Merkmale der Studierenden

nicht erfüllt teilweise erfüllt erfüllt
Jagdhund Aktiv visionäre Gestalter       
(Hound) Instinkt für innovative Erfolgspotentiale      
  Eigeninititative und Selbststudium (‘ist immer vorbereitet’)      
Begleithund Passives Mitwirken an Potentialausschöpfung      
(Common Dog) Hohe Ausführungsqualität und Ausdauer      
  Bringt sich nur ein, wenn er gefordert wird      
Wachhund  Ist sehr an Visionen interessiert, ohne selbst welche zu haben      
(Watchdog) Diskutiert gerne kritisch über die Ideen Anderer      
  Präzise Beobachter, Informationssammler und -aufbereiter      
Schoßhund (lap-dog) Neigung zu passivem Medienkonsum: 

Hört/sieht mit max. 1 Ohr/Auge zu

     
  Verspürt keinen Bildungsbedarf und würde den Hörsaal oder das Büro lieber als Clubraum nutzen      
  Lernt und arbeitet nur gegen Belohnungsversprechen      

 
Kategorie Erforderliche Lehrinhalte nicht erfüllt teilweise erfüllt erfüllt
Jagdhund Kreativitätstechniken      
(Hound) Systematisierungstechniken      
Begleithund  Teamfähigkeit und Kooperationsfähigkeit      
(Common Dog) Moderations, -Diskussions- u. Präsentationsfähigkeit      
Wachhund  Systematisierungs- u. Aufbereitungstechniken      
(Watchdog) Präsentationstechniken      
Schoßhund Techniken der Freizeitgestaltung, Lifestyle      
(lap-dog) Kochen, Barmixertrainig, Weinproben, Brauereibesichtigung      
  Lifestyle      

 
Kategorie Erforderliche Merkmale der Dozenten nicht erfüllt teilweise erfüllt erfüllt
Jagdhund  Moderator      
(Hound) Koordiniert und systematisiert studentische Visionen und Ideen       
Begleithund  Inputlieferant und Moderator       
(Common Dog) Muß Ideen und Visionen bringen      
Wachhund  Präsentiert neue Visionen, Ideen und Ansätze      
(Watchdog) Einsatz umfangreicher Skripten      
Schoßhund  Muß unterhaltsame Show bieten (Mr. Bean!?)      
(lap-dog) Sollte nicht länger als 5 Minuten am Stück reden.      
  Sollte Studenten nicht beim Zeitungslesen, Essen, Trinken, Stricken und Plaudern stören ("länger als 5 Min. hört sowieso niemand zu").      

 
Prof. Dr. rer. pol. Joachim Webern